Schweigen ist keine Zustimmung


Unsere moderne Medizin hat, vergleicht man sie mit den vergangenen Jahrhunderten – Jahrzehnten, Faszinierendes erreicht. Wir können mit Organspenden Leben retten. Diese Möglichkeit ist für viele Betroffene die einzige Chance, ihr Leben zu leben. Am Donnerstag, den 16.01., entscheidet der Bundestag über einen fundamentalen Wechsel in unserem Rechtssytem. Die sogenannte Widerspruchslösung ist nicht weniger als die Abkehr vom Prinzip, dass „Schweigen keine Zustimmung“ ist – vielmehr wäre es dann so, dass jeder potenziell Organ“spender“ wäre – es sei denn, er widerspricht.

Nun ist jedoch die stillschweigende Zustimmung für das Fehlen eines Widerspruchs aus meiner Sicht nur eine Möglichkeit, eine andere wäre, der Betroffene hats schlicht noch nicht geschafft, es wurde etwas verschlampt, er hat es immer wieder aufgeschoben. ein, die Möglichkeiten, warum jemand, der eigentlich kein Spender sein will, noch keinen Widerspruch eingelegt hat, können vielfältig sein. Ist es ethisch vertretbar, diese Möglichkeiten unberücksichtigt zu lassen? Sich über den Willen eines Menschen hinwegzusetzen, weil dieser noch nicht gegenüber Behörden erklärt wurde? Ich denke NEIN! Mit der Widerspruchslösung wird nicht unerheblich mit moralischem Druck spekuliert: man muss gegenüber einem Dritten öffentlich erklären, dass man KEIN Spender sein will. Das ist deutlich schwieriger, als sich einen Organspenderausweis auszudrucken – ja zur Organspende zu sagen und den Ausweis bei sich zu tragen. Diese Verneinung der Spendenbereitschaft wird dann auch noch zentral erfasst, dokumentiert und abrufbar gemacht werden müssen, was zusätzliche Fragen hinsichtlich des Datenschutzes aufwirft (wer pflegt, hält und verarbeitet die Daten? Wer erhält unter welchen Umständen Zugriff? Wie wird dokumentiert, dass vor einer Entnahme die Abfrage korrekt erfolgte?). Auch die menschliche Trägheit ist ein Moment, mit dem die Widerspruchslösung ganz offen arbeitet. Es wird schlicht davon ausgegangen, dass die Menschen immer wieder Gründe finden, sich eben nicht zu erklären, eine Entscheidung vor sich hinschieben.

Und es stimmt ja auch, die Spendenbereitschaft ist wesentlich größer, als die Anzahl der Menschen, die einen Organspenderausweis bei sich tragen – nur kann die Antwort darauf nicht sein, sich über das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen zu erheben und das Zustimmungsprinzip umzukehren. Für mich ist die einzige ethisch richtige Lösung die bewusste Zustimmung „Ja ich bin bereit, Organspender zu sein“.  Schon der Begriff Spende sagt es doch. Spenden ist ein „freiwilliges Geben“, und Freiwilligkeit ist in meinen Augen ein bewusstes Handeln. Jetzt wird oft auch damit argumentiert, dass die geplante Neuregelung gegenüber Angehörigen leichter wäre, da diese dann nicht mehr in Entscheidungszwang geraten – doch ist das so? Was ist mit den Menschen, von denen Angehörige wussten, diese lehnen eine Organspende ab? Diese Angehörigen haben dann nur noch schwer die Möglichkeit, dieser Entscheidung Rechnung zu tragen.

Ja, auch ich wünsche jedem Menschen, der ein Spenderorgan benötigt, die Chance, dies zu bekommen, sein Leben weiterzuführen – doch es gibt so wenig das individuelle Recht auf den Erhalt eines Spenderorgans wie es die Pflicht gibt, Organspender zu sein. In meinen Augen wäre es Aufgabe von  Medizin und Politik, mehr Menschen für die Bereitschaft zur Organspende zu überzeugen, sie zu gewinnen – und nicht mit einem ethisch höchst schwierigen Weg ein Problem lösen zu wollen, welches letztlich gar nicht in der Spendenbereitschaft selbst (denn die liegt bei über 80 %), sondern in einem strukturellen und personellen und auch zeitlichen Mangel im Bereich der Medizin und mangelnder Aufklärung begründet ist. Selbstbestimmung im Bereich der Medizin scheint in Deutschland ohnehin ein schwieriges Thema zu sein – blickt man auch auf den Umgang mit der Frage der Sterbehilfe oder auch  auf die Diskussion um dauerbeatmete Menschen und ihren Wunsch, in den eigenen vier Wänden leben zu können. In beiden Fragen stellt sich der Gesundheitsminister über das Recht auf Selbstbestimmung.