2 Perspektiven auf den Mauerfall


Am 09.11. feiern wir 30 Jahre Mauerfall – ich persönlich denke ja immer, die Mauer ist nicht gefallen – sie wurde eingerissen. Anlässlich dieses Datums bat ich eine Mitstreiterin der Liberalen Frauen um Ihren Blick auf die Ereignisse vor 30 Jahren. Hier nun unsere beiden Perspektiven auf dieses Ereignis und vieles danach:

Heike Schaumann

Als die Mauer fiel, war ich gerade seit einigen Monaten 14 Jahre alt und konnte die Aufregung um dieses Ereignis nicht verstehen.

Ich erinnere mich, dass meine Oma weinte und immer wieder sagte, das habe sie sich ihr Leben lang gewünscht, während ich diesen Wunsch in keinster Weise nachvollziehen konnte.

Die DDR war für mich, im Ruhrgebiet lebend, irgendwo direkt vor Russland – weit weg und ohne einen Bezug. Als die politischen Gespräche über eine Vereinigung mit der DDR begannen, habe ich mich gefragt, wenn wir uns schon mit einem anderen Land zusammentun müssen, warum wir dann nicht ein schönes nehmen. Österreich sprach auch deutsch und hatte imposante Berge, die Niederlande lagen direkt nebenan, waren schön, sauber, mit leckeren Pommes und uns deutlich ähnlicher als dieses Land mit den seltsamen Autos, in dem es das Wort Umweltschutz nicht zu geben schien und auch sonst die Bilder maßgeblich ziemlich verfallene Häuser und Städte zeigten.

Natürlich wurde im Zuge der politischen Entwicklung auch in der Schule über das Thema geredet und die meisten sahen es ähnlich. Uns allen waren die meisten europäischen Länder, die viele schon bereist hatten, näher als die DDR.

In meinem weiteren Leben spielten die neuen Länder nie eine Rolle, bis ich in den Bundesvorstand der Liberalen Frauen gewählt wurde, der zur Hälfte mit ostdeutschen Frauen besetzt ist. Jahrzehnte nach der Vereinigung hätte ich nicht gedacht, dass es noch Unterschiede gäbe, aber jetzt stellen wir fest, gerade weil wir alle ein ähnliches Alter haben, wie unterschiedlich doch oft unsere Prägungen sind.

Gerade was das Verständnis von Gleichberechtigung betrifft. Wahrscheinlich sind wir die letzte Generation, die die Teilung live erlebt hat und wir täten alle gut daran, uns mehr über damals auszutauschen. Dann lernen wir auch zu verstehen, warum die anderen eben manchmal doch ganz anders ticken. Und mit gegenseitigem Verständnis wird man dann auch wirklich eins.

Mein Blick auf damals:

Ich wurde in einem Staat geboren, den meine Kinder nur aus Geschichtsbüchern kennen. Ich hatte in meiner Schulzeit nicht nur Fächer wie Mathe, Deutsch, Geschichte, Musik oder ähnliches – sondern auch Staatsbürgerkunde.  Und in meinem Atlas gab es zwei deutsche Staaten …

Ich war erst Jungpionier, dann Thälmannpionier und brummte schließlich als Jugendliche das „Freundschaft“ der FDJ beim Fahnenappell. – Ja, es gab diese Fahnenappelle. Und es gab den morgendlichen Gruß an die Lehrerin – dieses „Seid bereit! – Immer bereit!“ und später das „Freundschaft!“ aus den Kehlen junger Menschen, die sich alle schon für Erwachsene hielten.

Und dann – kurz nach Ende der 10. Klasse, ich war 16 Jahre – gab es diesen Staat faktisch nicht mehr und auch meine Idee für eine Zukunft löste sich in Schall und Rauch auf. Doch ich stand ganz am Anfang meines Lebens in die Welt der Erwachsenen, ich hatte nicht den Verlust des Arbeitsplatzes zu verkraften, ich hatte keine Familie zu versorgen … ich war frei von all diesen Dingen, die Erwachsene in den Jahren nach der Wende zu bewältigen hatten. Ich hatte keine Ängste – ich hatte Träume, und diese hatten plötzlich keine Grenzen mehr. Alles schien möglich – alles erreichbar. Das alles ist jetzt 30 Jahre her – inzwischen bin ich verheiratet, Mutter von 3 Kindern, von denen 2 schon längst mehr Männer als Kinder sind. Ich gehe arbeiten, engagiere mich ehrenamtlich, ich reise und habe Ecken dieser Welt gesehen, die für mich zu DDR-Zeiten unerreichbar waren.

Jeden Tag führt mein Arbeitsweg mich über den Bahnhof Zoo und es fühlt sich für mich vollkommen normal an, ich arbeite mit Menschen zusammen, die aus den verschiedensten Ecken Deutschlands kommen – und das fühlt sich vollkommen normal an. Ich nehme an Demos teil, ich kritisiere hier und da die Arbeit der Regierung – und es fühlt sich für mich vollkommen normal an. Meine Söhne kennen München, Düsseldorf, Köln, Dortmund, Sylt usw. genauso wie Magdeburg, Quedlinburg, Potsdam oder Leipzig – und es fühlt sich normal an …dabei weis ich- als ich 16 wahr – war all das nicht normal.

Meine Söhne fühlen sich nicht als Ossis – sie sehen in ganz Deutschland ihr Heimatland; für sie ist das normal – und für mich fühlt sich das gut an …

Ja, es gibt noch viel zu tun – doch bei allem, was wir noch gemeinsam erarbeiten müssen, sollten wir nicht vergessen, was unsere Eltern, wir und unsere Kinder schon erreicht haben. Ich bleibe dabei: 30 Jahre Mauerfall – das fühlt sich gut an!